Übertragen aus "Hinter
den Schlagzeilen"
Volkskrankheit Gehorsam
Warum Zivilcourage Mangelware
ist und warum wir künftig mehr von ihr brauchen
von Roland Rottenfußer
(Ein Originalbeitrag
des WEBMAGAZINS auf "Hinter den Schlagzeilen. Weitere Beiträge
unter www.hinter-den-schlagzeilen.info/pm/webmagazin.php)
Der Homo Sapiens ist eigentlich
ein Homo Obidiens, ein gehor-
chender Mensch. Der Gehorsam gehört zu den unverwech-
selbarsten und zugleich rätselhaftesten Merkmalen dieser
Spezies. Die menschliche Bereitschaft zum Gehorsam ist ein Phänomen
und übertrifft die des Hundes oder des Pferdes insofern,
als es keinerlei Grenzen bei der Anwendung zer-
störerischer und selbstschädigender Verhaltensweisen
zu geben scheint. Dies lässt sich an einem einfachen Beispiel
demonstrieren:
Keine Hinrichtungsart, keine noch so grausame Foltermethode,
kein Krieg, keine Massenvergewaltigung und kein Völkermord
ist wohl jemals daran gescheitert, dass sich niemand bereit gefunden
hätte, die entsprechenden Befehle auszuführen. Ob Kindermord
zu Bethlehem oder Atombombenabwurf in Hiro-
shima - überall fand sich mindestens ein Gehorsamer, jemand
der Ja gesagt hat.
Die Bereitschaft von Normalbürgern, sich Befehlen von Autoritäten
auch im Widerspruch zum eigenen Gewissen fast unbeschränkt
zu unterwerfen, wurde 1964 aussagekräftig mit Hilfe des
berühmten Milgram-Experiments getestet. Versuchspersonen
sollten andere, ihnen unbekannte Teilnehmer auf Anweisung eines
autoritär auftretenden Versuchsleiters mit Stromstößen
traktieren, um den Zusammenhang zwischen Bestrafung und
Lernerfolg wissenschaftlich zu untersuchen. Natürlich
waren die Stromstöße nicht echt, die Bestraften
waren Schauspieler, die ihre Schmerzen nur spielten, wichtig
ist hier nur, dass die Versuchspersonen an die Echtheit des Versuchsaufsbaus
glaubten. Das Ergebnis des Experiments: 62,5 Prozent der Versuchspersonen
waren bereit, ihrem Gegenüber einen Stromstoß von
450 Volt zu versetzen, bei 300 Volt waren es noch 100 Prozent.
Die Menschheitsgeschichte begann mit einem Akt des Ungehorsams,
und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie mit einem Akt des
Gehorsams ein Ende findet. Erich Fromm schrieb diese Worte
1980 noch unter dem Eindruck des kalten Krieges, der drohenden
atomaren Katastrophe. Ohne Zweifel: Hätte einer der damaligen
sowjetischen oder amerikanischen Machthaber den Atomangriff auf
die gegnerische
Macht und die Auslöschung von Millionenstädten befohlen,
irgendjemand hätte sich gefunden und diesen Befehlen gehorcht.
Heute läuft es uns bei Fromms Satz vor allem mit Blick auf
die eskalierende Klimakatastrophe Hurricanes, wachsende
Wüsten, ausgetrocknete Riesenseen und kahl geschlagene Urwälder
kalt den Rücken hinunter. Auch den Vernichtern unserer
Lebensgrundlagen fehlt es selbstver-
ständlich nicht an willfährigen Handlangern. Tatsächlich
könnte die Geschichte der Menschheit in naher Zukunft unter
den Händen von Gehorsamen ihr Ende finden
gemeint
sind aber nicht nur jene Waldarbeiter, die in Brasilien selbst
Hand anlegen an die Baumriesen des Amazonas-Urwalds; gemeint
sind wir alle in unserer Untätigkeit. Untätigkeit
ist
die am weitesten verbreitete Spielart von Gehorsam.
Bernhard Fricke, seit 20 Jahren Öko-Akivist und Gründer
der Münchner Umwelt-Initiative David Goliath
stellte anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten resigniert
fest, dass es schwerer geworden sei, Menschen zum Engagement
gegen Umwelt-
zerstörung und für Solarenergie zu motivieren: Unsere
ökologischen Probleme wachsen, aber die Bereitschaft der
Menschen, etwas dagegen zu unternehmen, schwindet. Vielleicht
ist es Mangel an Information, Mangel an Bereit-
schaft, sich die entscheidenden Informationen zu besorgen und
sich der Wahrheit zu stellen. Aber auch die Selbstverständlich-
keit und Arroganz, mit der Politiker und Wirtschaftsführer
vorgehen, schüchtert ein, vermittelt uns das Gefühl,
dass das, was geschehen soll, längst entschieden ist und
dass wir uns zu fügen haben und sei es in unseren
eigenen Untergang. Woran es fehlt, ist die Courage, uns hinzustellen
und zu sagen: Stopp! Ihr habt euch das alles schön
ausgedacht. Aber habt ihr uns gefragt, ob wir die Welt, die ihr
geschaffen habt, auch wollen? Was Not tut ist eine Renaissance
der Zivilcourage.
Menschen sind nicht immer so verzagt, so kleinmütig gewesen,
wie wir es heute sind. Der Film Gandhi mit Ben Kingsley
enthält eine Stelle, die mich so beeindruckt hat, dass ich
sie Wort für Wort von durch laufendes Stoppen und Abspielen
meines Videorecorders abgeschrieben habe. In dieser Szene des
Films lebt Gandhi noch in Südafrika und organisiert eine
Widerstandsbewegung der indischen Bevölkerungsminderheit
gegen ein diskriminierendes Gesetz der britischen Besat-
zungsmacht. Alle Inder müssen sich Fingerabdrücke
nehmen lassen ganz wie Verbrecher. Keine Ehe, außer
einer
christlichen, wird für gültig erklärt. Nach dem
neuen Gesetz sind unsere Frauen und Mütter nichts als Huren.
Gandhi hält seinen
Vortrag vor einem großen Saal indischer Menschen, die empört
die Tötung der Polizisten fordern. Gandhi aber ruft zur
Gewaltfreiheit auf und schließt seine Rede mit den Worten:
Sie können, wenn sie wollen, meinen Körper foltern,
mir meine Knochen brechen, mich sogar umbringen. Dann haben sie
zwar meinen Leichnam, aber keineswegs meinen Gehorsam. Wir sind
Hindus und Moslems, sind Kinder Gottes jeder von uns.
Lassen Sie uns einen feierlichen Eid ablegen, dass, komme was
wolle, wir uns diesem Gesetz auf keinen Fall unterwerfen!
Das Fantastische an dieser Rede ist, dass sie wirklich stattgefunden
hat und dass sich Gandhi mit seinem Widerstand gegen das
Gesetz am Ende durchsetzte. Wann ist es bei uns je vorgekommen,
dass das Volk oder Teile des Volkes aufstehen und sagen: Wir
werden uns diesem Gesetz auf keinen Fall unterwerfen!?
Die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht einmal dann zum Widerstand
bereit, wenn ihr weit weniger droht als Folter und Tod. Wir schauen
zu, wie man unsere Natur zerstört und wie man uns
durch beispiellose Umverteilung des Reichtums von unten nach
oben buchstäblich die Butter vom Brot nimmt. Herbert
Grönemeyer sang: Wie eine träge Herde Kühe
schauen wir kurz auf und grasen dann gemütlich weiter.
Warum ist das so? Halten wir die Entscheidungen unserer Altvorderen
wirklich für sakrosankt? Der Blick auf die Ge-
schichte zeigt, wie unsinnig es ist, den von den Mächtigen
verordneten Ideologien blind zu folgen. Vor 150 Jahren hielt
man in den amerikanischen Südstaaten die Verschleppung und
Versklavung dunkelhäutiger Afrikaner für eine gute
Sache. Noch vor 40 Jahren (!) fand man es in der Schweiz legitim,
den
Frauen das Wahlrecht abzusprechen. Und vor 51 Jahren galt in
den USA das Gesetz, dass Schwarze, in einem Bus aufzustehen hätten,
wenn ein Weißer den Platz für sich beanspruchte. Die
Bürgerrechtlerin Rosa Parks gilt als erste Schwarze, die
sich der Aufforderung des Busfahrers, für einen Weißen
Platz zu machen, widersetzte. Sie wurde für diese Vergehen
von der Polizei verhaftet und zu einer Geldstrafe verurteilt.
Rosa Parks Weigerung stand am Anfang von monatelanden Busstreiks
der Schwarzen unter der Führung von Martin Luther King.
Warum in alles in der Welt meinen wir, dass gerade heute den
bestehenden Gesetzen eine besondere, unantastbare Bedeutung zukommt?
Heute redet man uns ein, dass die Umverteilung des gesellschaftlichen
Reichtums durch Zins- und Zinseszins eine Notwendigkeit ohne
Alternative sei. Ebenso redet man uns (zumindest in Deutschland)
ein, dass das Volk nicht reif sei für Plebiszite auf Bundesebene)
und dass es gut sei, einen stärkeren Schulterschluss mit
US-Präsident Bush zu suchen, einem Mann, dessen Namen mit
Angriffskriegen, mit der Rückkehr der Folter in das Verhaltensrepertoire
demokra-
tischer Nationen und mit schreiender Ignoranz in ökologischen
Fragen verbunden ist. Genügen uns diese Beispiele nicht,
um wachsamer zu werden gegenüber dem, was man uns heute
als unvermeidlich verkaufen möchte?
Lassen wir uns nicht blenden! Mächtige versuchen ihren Ideen
immer den Anschein des Allgemeingültigen und Unantastbaren
zu verleihen. Die Unerbittlichkeit und Arroganz, mit der Gesetze
und Ideologien von den Mächtigen durchgesetzt werden, ist
oftmals umso größer, je kleiner die inhaltliche Substanz
dieser Ideologien ist. Wer etwas Gutes, für die Menschen
Nützliches beschließt, benötigt kein autoritäres
Auftreten. Nur wer etwas zu verbergen hat vielleicht die
Tatsache, dass die verhängte Maßnahme zum Schaden
der Mehrheit ist , der hat keine andere Wahl als Drohung
mit Gewalt und Strafe.
Einer der größten Weisen der Philosohiegeschichte,
Laotse, schreib über den Staat: Der, des Verwaltung
unauffällig ist, des Volk ist froh.
Der, des Verwaltung aufdringlich ist, des Volk ist gebrochen.
Aber kann man von einem Staat erwarten, dass er sich freiwillig
zurückzieht, wo er zu aufdringlich geworden ist, wo er zu
anmaßend auftritt gegenüber den Freiheitsrechten seiner
Bürger? Müssen wir uns nicht vielmehr selbst behaupten
und seinen Einfluss, wo er zu frech, vielleicht sogar
bedrängend geworden ist, zurückdrängen auf ein
gesundes Maß?
Macht hat eine sich selbst verstärkende und verfestigende
Grundtendenz. Für viele Mächtige hat die Macht Suchtcharakter
nicht anders als für den Trinker die Flasche. Wer
einmal davon gekostet hat, will immer mehr haben. Mit der Dynamik
der Macht ist es wie mit der Zinsdynamik: Große Ansammlungen
davon neigen dazu, immer weiter zu wachsen auf Kosten
der Schwächeren. Und ein permanentes Wachstum von Macht
ist nur möglich, wenn auch die Anzahl derer, die gehorchen
müssen, immer mehr steigt, oder wenn das Ausmaß, die
Unbedingtheit des geforderten Gehorsams ausgeweitet wird.
Wenn wir uns dieser Dynamik bewusst werden, wächst vie-
lleicht die Erkenntnis, dass das Volk für das Ausmaß
seiner eigenen Macht im Widerstreit zum Machtanspruch
des Staates zum großen Teil selbst verantwortlich
ist. In gewisser Weise bekommt wirklich jeder die Regierung,
die er verdient. Wenn man von pathologischen und extrem bösartigen
Fällen wie Hitler absieht, ist der durchschnittliche Machtinhaber
in einer Demokratie durchaus berechenbar. Manchmal kommen mir
Politiker wie verhaltensauffällige Jugendliche vor, die
gerade
zu darauf warten, dass man ihm Paroli bietet. Kinder brauchen
Grenzen. Staatenlenker, die mit dem Spielzeug der Macht nicht
umgehen können, ebenso. Und was die Machtjunkies betrifft,
so ist zu sagen, dass wir ihnen keinen Gefallen tun, wenn wir
ihre Sucht durch Co-Abhängigkeit stützen.
Wenn wir ihre destruktiven Verhaltensauffälligkeiten dulden,
stabilisieren wir nur ihre Krankheit und jene Auflösungssymptome,
an denen unser Planet krankt.
Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776
hat diesen Zusammenhang sehr gut dargestellt. Dort heißt
es, dass Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit
die Endzwecke des Staates seien. Es heißt aber auch, dass
zu jeder Zeit, wenn irgend eine Regierungsform zerstörend
auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das Recht hat, jene zu
ändern oder abzuschaffen, eine neue Regierung einzusetzen,
und diese auf solche Grundsätze zu gründen, und deren
Gewalten in solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner Sicherheit
und seinem Glück am zweckmäßigsten erscheint.
Die amerikanischen Gründerväter schränken ein:
Klugheit zwar gebiete, schon lange bestehende Regierungen
nicht um leichter und vorübergehender Ursachen willen zu
ändern" Allerdings sagen sie ebenso deutlich, dass
diese Geduld Grenzen haben muss: Wenn aber eine lange Reihe
von Missbräuchen und rechtswidrigen Ereignissen (
)
die Absicht beweist, ein Volk dem absoluten Despotismus zu unterwerfen,
so hat dieses das Recht, so ist es dessen Pflicht, eine solche
Regierung umzustürzen.
Zwischen den beiden Extremen alles erdulden oder das ganze
System umstürzen gibt es meines Erachtens aber auch
eine Menge Zwischenstufen. Es ist legitim, wenn ein Volk einzelne
Maßnahmen der Regierung zurückweist, andere duldet.
Dies geschieht auch immer wieder.
In Bolivien z.B. ereignete sich in den Jahren 2004 und 2005 folgendes
(ich zitiere, wo es sich anbietet, aus dem hervorragenden Buch
von Jean Ziegler: Das Imperium der Schande): Unter
dem Druck der Weltbank hat die Regierung das öffentliche
Wasserversorgungsnetz an Privatgesellschaften verkauft. Diese
beeilten sich, eine Verdoppelung des Wasser-
preises anzukündigen, was für zahlreiche Bolivianer
bedeutete, dass sie für Wasser mehr ausgeben müssen
als für ihre Ernährung. Selbst das Sammeln von
Regenwasser auf eigenem Grund und Boden war für die oft
armen bolivianischen Bauern bewilligungspflichtig. Alles Wasser
im Land ob Grund- oder Regenwasser gehörte
dem Wasser-Multi Aguas de Illimani. Doch dann kam die Wende:
Die Bolivianer und vor allem die von Evo Morales organisierte
indianische Bevölkerung haben sich das nicht gefallen lassen.
Die Regierung hat das Standrecht verhängt. Aber angesichts
des Widerstands des Volkes hat sie einlenken und das Gesetz
über die Privatisierung widerrufen müssen.
Solche Beispiele haben vielleicht für viele eine irritierende
Wirkung.Sie zeigen, dass es eine Alternative gibt zur fraglosen
Akzeptanz aller Zumutungen, die unsere Regierungen über
uns verhängen.
Widerstand ist möglich, und er ist in vielen Fällen
sogar Erfolg
versprechend. Vaclav Havel hat, als er noch Widerstandskämpfer
gegen das von ihm so genannte posttotalitäre
System des kommunistischen Ostblocks war, deutlich gemacht, wie
wichtig die Rebellion des Einzelnen ist mag er mit seiner
Tat auch anfangs noch so allein stehen: Solange das Leben
in Lüge nicht mit dem Leben in Wahrheit konfrontiert wird,
gibt es keine Perspektive,
die seine Verlogenheit enthüllen könnte. Sobald sich
aber eine
Alternative zeigt, werden sie in ihrem Wesen, in ihren Grundlagen
und in ihrer Ganzheit bedroht. Auch das von Margret Thatcher
als alternativlos beschworene neoliberale Wirtschaftssystem (There
ist no alternative) fürchtet praktikable Alternativen
wie der Teufel das Weihwasser.
Um die Lüge möglichst flächendeckend
zu gestalten, so beschreibt es Havel in seinem Aufsatz Versuch
in der Wahrheit zu leben sehr schön, versucht das
System große Teile des Volkes zu Mitläufern und Komplizen
zu machen. Dadurch entsteht ein geistiges Feld der Scham und
der (Selbst-)
Unterdrückung vergleichbar der omertà,
dem Schweigegebot in mafiaverseuchten Landstrichen Italiens.
Die Grenze zwischen Tätern und Opfern weicht auf, jederist
beides zugleich. Nur ein oberflächlicher Blick erlaubt
(
), die Gesellschaft in Herrscher und Beherrschte aufzuteilen,
sagt Havel. In dem posttotalitären System führt diese
Linie de facto durch jeden Menschen, denn jeder ist auf seine
Art ihr Opfer und ihre Stütze.
Havel bringt ein Beispiel: In der kommunistischen Tschechoslowakei
war er Usus, dass jeder Geschäftsinhaber ein Schild mit
der Aufschrift Proletarier aller Länder, vereinigt
euch im Schaufenster platzierte.
Jeder, der solcherart seinen Gehorsam gegenüber dem System
demonstrierte, übte zugleich Druck auf alle anderen Bürger
des
Landes aus, sich ebenso zu unterwerfen. Wer ist da Opfer,
wer ist Stütze des Systems? Jeder ist beides zugleich. Was
den Kommunisten ihr Proletarier-Spruch und den Nazis
ihr Hitler-Gruß war, das ist im marktradikalen kapitalistischen
System unserer Tage vielleicht das Bekenntnis zu gren-
zenlosem Wachstum und zur Alternativlosigkeit des
Sozialabbaus.
Wer zum Teil des Systems geworden ist, gegen wen sollte er
rebellieren? Etwa gegen sich selbst? Schon aus dieser Über-
legung heraus neigen Machtsysteme dazu, möglichst viele
Bürger zu Klein-Komplizen zu machen. Beim Militär wird
Wert darauf gelegt, dass jeder Mannschaftsdienstgrad einmal in
eine Situation verwickelt wird, in der er seine Leidensgenossen
mit Befehlen wie Stillgestanden erniedrigen muss.
Durch dieses Erlebnis, selbst im kleinen Rahmen Täter
geworden zu sein, wird der Widerstand wirksamer gebrochen als
durch noch so schlimme Erfahrungen als Opfer. Im
kapitalistischen System werden Bürger zum Beispiel dadurch
zur Mittäterschaft verleitet, indem es faktisch keine Alternative
gibt, als direkt (über das Bankkonto) und indirekt (über
die Pensionskasse) Zinsen zu nehmen. Je höher der Zinssatz,
desto größer ist ja die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo
in der Kette jemand
schamlos ausgebeutet wird. Je billiger die Preise im Mar-
kendiscounter um die Ecke, desto wahrscheinlicher, dass für
Ihren billigen Einkauf die Arbeiter in den Herstellerländern
bluten mussten. So gibt es in den westlichen Industrienationen
eigentlich niemanden, der sich dem System der Schande vollkommen
und konsequent entziehen kann. Das ist vor
allem für die sensibleren Gemüter mit einem
unterschwelligen
Gefühl der Scham verbunden. Wer würde mit ganzer Kraft
gegen ein System aufstehen, von dem er selbst klammheimlich profitiert?
Da rechtfertigt und verharmlost man lieber fleißig.
Was tun? Man kann über vergangene Feigheit lamentieren und
sagen:
Ich bin nun mal kein Held oder man kann es bei der
nächsten
Gelegenheit besser machen. Im Gegensatz zur Situation, der indischen
Minderheit in Südafrika zur Zeit Gandhis, können wir
uns nicht darauf berufen, nur Opfer zu sein. Dennoch müssen
wir die Scham über unsere Komplizenschaft ablegen, unsere
Würde wiedererlangen, unsere Verwobenheit mit dem System
so weit es geht auflösen und aktiv werden. Ich denke, in
gewisser Weise warten die Mächtigen schon längst auf
unseren Aufstand. Sie wundern sich vielleicht insgeheim, wie
viel wir uns bieten lassen. Auch sie fühlen sich sicher
oft machtlos
gegenüber scheinbar unabweisbaren Sachzwängen, dem
Konkurrenzdruck und der Eigendynamik des monetären Systems
(etwa des Zinseszinseffekts). Vielleicht warten sie
auf ein starkes, ein mutiges Volk, das ihnen Impulse gibt und
sie als unbequemer Stachel aus ihrer realpolitischen Lethargie
aufschreckt. Vielleicht müssen wir auch unsere Politiker
von ihrer Scham befreien, noch in größerem Maße
als der Normalbürger Teil eines schädlichen, zerstörerischen
Systems
zu sein.
Und wenn Sie sich nicht als Held fühlen, sollten
Sie doch bedenken, dass es unterhalb der Schwelle des Opfertods
für die gerechte Sache noch eine Menge Zwischenstufen
gibt. Zivilcourage heißt auch:
- das Netz der Manipulation gedanklich zu durchdringen und Lügen
nicht zu glauben- seine eigene Wahrheit zu finden, zu unabhängigen
Informationsquellen vorzudringen - seine Mei-
nung in Wort und Schrift weiter zu verbreiten - seine Meinung
im privaten und beruflichen Umfeld frei vertreten und den
Widerspruch einer Mehrheit aushalten - sich aus Täterstruk-
turen befreien (z.B. durch bewussten Einkauf, ethisches Investment)
- seinen Protest den Mächtigen mitteilen: durch Briefe,
Artikel, Demonstrationen oder bei Gelegenheit mündliche
Mitteilung
- an positiven Gegenmodellen mitarbeiten - alle legalen Wege
des Protests und des Massenprotests, der Wahl und Abstimmung
zu beschreiten.
Erst wenn das geschehen ist und wenn man es nicht für ausreichend
erachtet hat, kann man die letzte Stufe der Zivilcourage in Erwägung
ziehen: den bewussten Ungehorsam gegen gültige Gesetze mit
allen möglicherweise damit verbundenen Folgen.
Der Mensch hat sich durch Akte des Ungehorsams weiter-
entwickelt, schreibt Erich Fromm in Über den
Ungehorsam. Nicht nur, dass seine geistige Entwicklung
nur möglich war, weil es einzelne gab, die es wagten, im
Namen ihres Ge-
wissens und Glaubens zu den jeweiligen Machthabern nein
zu sagen auch die intellektuelle Entwicklung hatte die
Fähigkeit
zum Ungehorsam zur Voraussetzung, zum Ungehorsam ge-
genüber Autoritäten, die neue Ideen mundtot machen
zu ma-
chen suchten, und gegenüber der Autorität lang etablierter
Meinungen, die jede Veränderung für Unsinn erklärten.
Wollen wir also in unserer geistigen Entwicklung wirklich länger
stagnieren? Wollen wir den Ungehorsam verweigern und als die
Generation in die Geschichte eingehen, die selbst schreiendes
Unrecht nur mit einem zaghaften Flüstern des Protests zu
beantworten wagte?
Nicht weil es aussichtslos ist, leisten wir keinen Widerstand,
sondernweil wir kein Widerstand leisten, erscheint es aus-
sichtslos.
(Erstveröffentlichung einer
kürzeren Version dieses Artikels im Schweizer Magazin "Zeitpunkt.
Für friedliche Umwälzung" www.zeitpunkt.ch)
Kommentare
In der Tat: Wir brauchen jede
Menge Zivilcourage, um die Zukunft konstruktiv zu gestalten.
Leider wird aber bedin-
gungsloser Gehorsam in den meisten Elternhäusern, in den
Kindergärten, in den Schulen, vom Gesetzgeber und natürlich
auch am Arbeitsplatz verlangt und nicht selten mit Gewalt erzwungen.
Selbst die Kirchen erwarten einen religiösen Gehorsam und
somit sind alle Türen und Tore für den gewünschten
Gehorsam geöffnet. Die Menschen lassen sich bis zu
einer gewissen Schmerzgrenze alles gefallen. Leider lassen sich
in Deutschland die Menschen weit mehr gefallen, als in anderen
Ländern, wo durch wesentlich mehr Solidarität positive
Veränderungen erreichbar sind.
Immer nach der Parole: Wir sind
das Volk!
Solange sich aber die Masse der
Bevölkerung wie Schafe verhalten, dem Schäfer hinterherlaufen
bis in den Abgrund, solange können die Machthaber ohne Rücksicht
auf Verluste ihren negativen selbstsüchtigen Einfluss ungehindert
ausbauen.
Wie kann man Zivilcourage aber
erlernen?
Eine schwierige Frage und sicher
nicht leicht zu beantworten. Ich persönlich bin überzeugt,
dass gewisse Erbanlagen für zivilen Ungehorsam, sowie ein
ausgeprägtes Verständnis für Recht und Unrecht,
selbst bei intensiver Behinderung, die erste Vorrausetzung ist,
Zivilcourage zum Einsatz zu bringen.
Erziehen wir also unsere Kinder
nicht wie Schafe und leben einfach mit praktizierender Zivilcourage
den Kindern vor, um sie nicht an ihrer Selbstdarstellung als
positiv denkende Menschen zu behindern. Wahrscheinlich ein weiter
Weg um mehr Recht und Gerechtigkeit durch Zivilcourage als natürliches
Gut unter alle Menschen zu bringen.
Geschrieben von: Edward
Grossmann am 04.10.2006 | 3:28
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